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Soziale Landwirtschaft

Mit diesem Begriff wird inzwischen eine Aufgabenstellung beschrieben, die auch außerhalb der Bäuerlichen Gesellschaft einen Stellenwert erlangt hat. Trotzdem sollte doch gerne in Erinnerung gerufen sein, dass dieser Impuls in der Entstehung und Entwicklung wesentlich durch die Entwicklung dieser unserer norddeutschen Arbeitsgemeinschaften mit geprägt wurde.

Ein Gesichtspunkt dieser Idee entstand in den sechziger Jahren durch die Frage, in welcher Weise die biologisch-dynamische Landwirtschaft zukunftsträchtig weitergeführt werden kann. Die sehr nahe liegende pragmatische Antwort war: durch den Menschen.

Auch wenn dieses im Nachhinein als selbstredend zur Kenntnis genommen wird, ist es natürlich auch schon durchgehend im Landwirtschaftlichen Kurs zu finden: Dass der erkennende und handelnde Mensch nur in der Lage sein kann, aus dem spirituellen und praktischen heraus Erkenntnisse und Impulse des Kurses aufzugreifen und so Natur- bzw. Lebenskräfte neu zu befördern.

Natürlich sind hier Dr. Nicolaus Remer, Erhard Bartsch und Karl König zu nennen. Das bedeutete, dass durch die Frage nach der Entwicklung der Landwirtschaft auch ein sozialer Aspekt Bedeutung gewann.In welcher Weise dieser Impuls, dieses beherzte Aufgreifen der „Hofidee" durch einzelne Persönlichkeiten im Rahmen der Bäuerlichen Gesellschaft und des „FFF"-Vereins segensreich für die Entwicklung einer großen Zahl der Höfe im Norden wurde, ist wohl offensichtlich.

Es ist einerseits von Bedeutung, dieses - mittlerweile historische - Geschehen zur Kenntnis zu nehmen, aber andererseits auch durch weitere empirische Entdeckungen zu erweitern, damit das inzwischen zum Allgemeingut gewordene Phänomen auch weiterhin Akzeptanz und den damit verbundenen Anspruch rechtfertigt.

Der jetzige Gebrauch des Begriffes „Soziale Landwirtschaft" wird zunehmend mit der Möglichkeit in Verbindung gebracht, dass Menschen mit Hilfebedarf auch in der „Rückwirkung" des oben Angedeuteten  Hilfe in Anspruch nehmen können. Das heißt: Der durch soziale Aspekte erweiterte Impuls der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ermöglicht einen Lebensraum, der nicht nur Lebenskräfte im Naturgeschehen trägt und befördert, sondern darüber hinaus auch wiederum auf den einzelnen Menschen kräftebildend zurückwirkt.

Dieses Phänomen beinhaltet auf Hinterfragen einen sehr hohen Anspruch und kann eigentlich zurzeit nur durch das anthroposophisch orientierte Menschenbild seine Erklärung finden. Es ist nicht mit dem Rousseau'schen Gedanken „Zurück zur Natur" greifbar.

Ein derartiger Anspruch findet aber schon grundlegende Berechtigung, wenn -ähnlich wie der Grundgedanke dieser Entwicklung (siehe oben!)- die Zeitsituation zur Kenntnis genommen wird. Es ist dies umso erstaunlicher, wenn berücksichtigt wird, dass auch schon in der „UN-Konvention für Menschen mit Hilfebedarf" dem Einzelmenschen - auch dem mit Hilfebedarf - ein Rechtsanspruch auf individuelle Entwicklung, auf „Eigenentwicklung" zugestanden, ja sogar als Voraussetzung gefordert wird.

Dieser hohe ethische Anspruch ist „Zeitsituation".In Kürze gesagt,  kann es vielleicht für uns in die Worte gebracht werden: Die „Natur" braucht den Menschen und der Mensch braucht die „Natur". Die Interaktion in diesen Bereichen wird „Inklusion" genannt. Dieser Begriff ist inzwischen auch schon zum Allgemeingut geworden,  herrührend aus der oben genannten „UN-Konvention".

Ist es möglich, dass der einzelne - erwachsene! - Mensch in der Lage ist, „sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen", wenn ihm diese Handhabe, die angemessene Möglichkeit der „Teilhabe" ermöglicht wird? Und ist damit vielleicht verbunden das Verständnis, dass dieser Ansatz zurzeit vielleicht wesentlich auch unserer Ansatz  unter Berücksichtigung des land-wirtschaftlichen Kurses sein kann und einen Gesichtspunkt zur Weiterentwicklung im Sinne von „Nachhaltigkeit" zur Verfügung stellt?

Ich meine ganz eindeutig: JA...Wenn der oben genannte Begriff „biologisch-dynamische Landwirtschaft" natürlich nicht nur „gute praktische Betriebsführung" bedeutet, sondern Natur-und Kulturgeschehen in Ergänzung bringen muss, so ist auch mit dem Begriff „Sozialarbeit" - bei uns „Sozialtherapie" - differenzierter umzugehen.

Die obige Darstellung kann nicht zu dem Ergebnis führen zu sagen, die „Landwirtschaft" wird durch sich selbst, auch mit noch so gut gemeinter Hilfe ihrer Initiatoren zu dem Ergebnis führen, jedem Menschen einen Weg zur Lösung aus den Herausforderungen des Lebens zu bieten. 

Auch so mancher „Sozialarbeiter" geht mit dieser naiven Vorstellung in die Welt genau wie der „enthusiastische" Alternative. Es ist  jetzt in der ernstesten Weise gefordert, diese beiden Bereiche offenkundig mit Sachkenntnis zu betreiben und dies auch deutlich werden lassen. Es beginnt mit der Frage, bietet der gut geführte Hof neben den inhaltlichen Aufgabenstellungen und einer förderlichen Sozialstruktur auch in den sachlichen Gegebenheiten einen angemessenen Lebensraum für die Bedarfe des Menschen mit Hilfebedarf?

Haben die verantwortlichen Menschen neben der landwirtschaftlichen Fachlichkeit auch eine Grundlage eines Menschenbildes mit empathischen Anteilen? Sind die verantwortlichen Menschen auch in der Lage, neben der „Behinderung", einer „konstitutionellen Eigenart" ggf. einen Krankheitsverlauf (denn ein Krankheitsverlauf ist etwas  anderes als Behinderung) zu erkennen, der in der jetzigen Zeit sehr häufig mit „Behinderung" verwechselt wird oder sogar einher geht?

Sind genügend therapeutische oder medizinisch-therapeutische Hilfen greifbar? Ist nicht doch eine Zusatzqualifikation mit Blick auf diese Fachlichkeit ratsam? Wo liegen meine Fähigkeiten im sozialen Bereich: Sind es Kinder, Schüler, Menschen mit Behinderung, psychisch kranke Menschen, Menschen mit einer Suchtproblematik oder ältere Menschen?

Alle diese Fragen, und es gibt noch viele mehr, sprechen für einen guten kontinuierlichen Austausch, wie es ja auch schon beispielhaft in der Sozialstruktur der „Bäuerlichen Gesellschaft" veranlagt ist. Wenn aber diese und andere Gesichtspunkte Berücksichtigung finden, kann auch dieser Sozialimpuls der Landwirtschaft einen Beitrag leisten, von dem Herr Karl August Loss einmal sagte: „Ich glaube, der Boden verbessert sich dadurch"

So möchte ich wiederum zurückführen zum Anfang und damit zum Ausdruck bringen, dass wir mit der „Sozialen Landwirtschaft" einen Impuls verwirklichen können, der vielleicht nicht nur den Einzelmenschen zur Gesundung verhilft, nicht nur einen vielfältigeren, produktiveren Hof entstehen lässt, nicht nur der Natur Verjüngung bietet, sondern auch Höfe entstehen lässt, die immer mehr zu einem Ort werden, der dazu beiträgt, Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinne zu verwirklichen.
Hartwig Ehlers

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